Das Gute

Die Liebe gebärt das Gute.

Das Gute ist der Grund des Lebens. Das Gute ist der Boden des Lebens und seine Nahrung zugleich. Nur das Gute kann das Leben unterstützen, nur das Gute kann das Leben nähren.

Wenn Gott sich selbst begrenzt, wird das Gute zur Welt gebracht. Wenn der Mensch sich selbst begrenzt, wird das Böse geboren. Und wenn er sich von den Begrenzungen befreit, erscheint das Gute. Anders gesagt, wenn in der menschlichen Seele der große Wille aufkeimt, Gott zu dienen, dann erscheinen die Bedingungen für das Gute.

Der Mensch will das Gute in sich selbst schaffen. Das Gute aber wird nicht geschaffen, sondern geboren. Es ist von Anfang an in jedem Menschen angelegt und er muss sich dessen nur bewusstwerden und es offenbaren.

Der Mensch muss gut sein, denn das Gute ist der Grund des Lebens. Ohne das Gute ist das Leben des Menschen ohne Grund.

Wenn der Mensch nichts Gutes tut, wird das Böse geboren. Das Böse, das jetzt auf der Welt existiert, ist das Gute, das in der Vergangenheit nicht getan wurde. Das Böse entsteht aus einer unbestimmten Ordnung, es ist eine Welt der Willkür. In der lebendigen Natur kann man es als eine Vermehrung ohne ein Gesetz definieren. Das Böse ist aber unvermeidlich in der Welt der Beziehungen zwischen Kräften und Lebewesen.

Gutes und Böses sind in der lebendigen Natur Kräfte, mit denen sie gleichermaßen operiert. Hinter dem Guten und dem Bösen verbirgt sich die große Vernünftigkeit, die alles benutzt.

Der Mensch muss nicht gegen das Böse kämpfen. Er muss es nur vermeiden. Er muss nicht gegen das Böse kämpfen, sondern dem Bösen Gutes gegenüberstellen. Derjenige Mensch, der am meisten gegen das Böse kämpft, irrt am meisten. Das einzige Wesen, das das Böse in die Arbeit einspannen kann, ist Gott.

Ihr solltet wissen, dass sowohl ein kollektives Bewusstsein des Guten als auch ein kollektives Bewusstsein des Bösen existiert. Sie bilden zwei große Pole des Daseins. Das menschliche Leben bewegt sich zwischen diesen beiden Polen. Wenn sich das Böse innen befindet und die Oberhand gewinnt und das Gute außen, dann herrscht das Böse auf der Erde, anders gesagt, die Hölle herrscht auf der Erde. Wenn aber das Gute innen ist und vorherrscht und das Böse draußen bleibt, dann regiert der Himmel und herrscht das Gute.

Die Hölle ist ein Ort, wo das Böse sowohl innen als auch außen ist. Der Himmel ist ein Ort, wo das Gute sowohl innen als auch außen ist. Und das menschliche Leben ist ein Ort, wo manchmal das Gute innen und das Böse außen ist und manchmal umgekehrt.

Jeder Mensch, je nach dem Leben, das er führt, befindet sich entweder am Pol des Guten oder am Pol des Bösen. Ein Mensch, in dem das Böse herrscht, lebt in ständiger Unruhe. Äußerlich kann er über große Reichtümer verfügen, sich eines großen Ansehens erfreuen, aber innerlich ist er unruhig. Ihn quälen ständig schlimme Vorahnungen und Ängste. Allmählich beginnt er, seine Kraft und seine Gesundheit zu verlieren.

Wenn aber das Gute im Menschenherzen ist, hat er vielleicht keine Reichtümer und keine Macht, bleibt aber dennoch ruhig und heiter.

Die äußerlichen Umstände sind schlecht, aber innerlich sind sie gut. Dieser Mensch hat etwas Mächtiges in sich, aufgrund dessen er von allen geliebt wird.

Die guten Menschen sind die richtig starken Menschen auf der Welt. Aber die Menschen denken, dass das Böse auf der Welt stark ist. Das Böse ist nur deshalb stark, weil die Menschen es mögen.

Die Liebe zum Bösen verleiht ihm Kraft. Das Böse schöpft die Kraft aus der Liebe.

Dennoch kann das Streben nach dem Guten niemals aufgehalten werden. Das Gute als Prozess ist ewig. Es ist ein schöpferischer Prozess des Lebens. Deshalb kann man das Gute einen Weg ins Leben nennen. Eben das Gute führt uns zum Leben.

Das Böse ist einWeg zum Tode. Es ist zur ewigen Unfruchtbarkeit verurteilt.

Bei der Unterscheidung des Guten vom Bösen behaltet Folgendes im Gedächtnis: Das Gute und das Böse – das sind das Hohe und das Niedere auf der Welt. Das Böse – das sind die schwächsten Schwingungen des Guten. Aus diesem Grund ist das Gute der Preis für das Vernünftige und das Böse der Preis für das Unvernünftige.

Das Gute hebt die Werte des menschlichen Bewusstseins, das Böse senkt sie. Beim Guten wachsen die Gaben, durch das Böse werden sie gedämpft und getrübt. Das Gute fängt mit den kleinen Dingen an, die jedoch ständig wachsen, sich vergrößern, vermehren, organisieren und sich zu einem Ganzen vereinen. Im Bösen gibt es immer Auflösung und Zwietracht.

Das Gute im Allgemeinen kann man mit einer Quelle vergleichen, die ständig sprudelt. Das Böse aber ähnelt einer versiegten Quelle, die kaum einen Tropfen Wasser abgibt. Das Böse verspricht vieles, aber tut nichts. Das Gute dagegen verspricht nichts, aber tut alles. Hat es die Quelle nötig zu versprechen, dass sie sprudelt? Sie quillt. So ist es auch mit dem guten Menschen; in ihm ist das Gute wie eine Quelle. Aus diesem Grund bleibt er unter allen Umständen gut. Es ist ein Irrtum zu denken, dass ihn die Umstände verändern könnten. Vor allem durchdringt das Gute sein ganzes Wesen, es liegt seinem ganzen Aufbau zugrunde.

Der gute Mensch unterscheidet sich seinem Aufbau nach völlig vom schlechten Menschen. Das Nervensystem des Guten ist komplizierter und feiner aufgebaut. Sein Gehirn hat mehr Zellen, mehr

Falten, es hat einen anderen Aufbau.

Der Blutkreislauf bildet ebenso ein reicheres und dichteres Netz. Die Haut des guten Menschen hat mehr Zellen, sie ist feiner als die Haut des schlechten Menschen. Der gute Mensch im Allgemeinen hat einen vollkommeneren Aufbau. Er ist ein hoch entwickeltes Wesen. Aus diesem Grund wird jeder Mensch, der sich auf seinem Entwicklungsweg im Rückstand befindet, böse.

In diesem Sinne meinen wir, dass das Böse Gutes ist, das nicht genutzt wurde. Das Böse kann man in der Welt nicht ausrotten.

Und wenn Christus sagt, dass man das Unkraut nicht ausreißen sollte bevor die Erntezeit, also das Ende der Welt kommt, versteht er darunter, dass in Zukunft eine neue Welle kommen wird. (Mt 13,30) Dann wird das, was jetzt als das Böse auf der Welt existiert, in eine neue Entwicklungsphase übergehen.

Wenn wir vom Guten, von der guten Tat sprechen, meinen wir immer den gesunden Menschen. Der kranke Mensch kann kein Gutes tun. Offensichtlich geht es hier nicht um die gewöhnlichen guten Taten, so, wie sie von den Menschen verstanden werden. Das wahre Gute, vom Gesichtspunkt der göttlichen Lehre aus betrachtet, bestimmt man durch drei Eigenschaften: Es bringt Leben, Licht und Freiheit. Sind diese drei Eigenschaften nicht vorhanden, handelt es sich nicht um das Gute. Das Leben entsteht durch die Liebe, das Licht entsteht durch die Weisheit und die Freiheit durch die Wahrheit. Wer Gutes tun will, muss mit diesen drei göttlichen Welten verbunden sein.

Damit unser Handeln wahrhaft gut ist, muss es lebendig sein und uns folgen. Das Gute muss uns begleiten. Wenn das Gute uns nicht nachfolgen kann, ist es nicht das Gute. Mein Gutes muss mir nachfolgen.

Und damit es mir nachfolgen kann, muss es Leben, Licht und Freiheit sowohl mir als auch demjenigen bringen, dem ich etwas Gutes tue.

Da das göttliche Gesetz ein kollektives Gesetz ist, betrifft es alle auf einmal. Wenn du einem Menschen etwas Gutes tust, betrifft das auch die ganze Welt. Ob die Menschen es wissen werden oder nicht, das ist für die göttliche Welt unerheblich. Tatsache ist aber, dass dieses Gute allen nutzen wird. Deshalb sage ich: Gutes zu tun ist ein heiliger Akt, weil du auf dieseWeise Gott aufforderst, sich durch dich in seiner Güte, Liebe, Weisheit und Wahrheit zu offenbaren.

Es gibt keinen größeren Akt als den, eine gute Tat zu vollbringen. Egal wie winzig sie auch sein mag, es ist ein edler Akt, aufgrund dessen alle im Himmel auf die Beine kommen, da im Guten Gott steckt.

Die Natur ist auch dem kleinsten Gewinn gegenüber sehr aufmerksam. Wenn ein Mensch eine gute Tat auf der Welt verrichtet, wenn er einen vernünftigen Akt ausführt, wird in der unsichtbaren Welt eine große Feier abgehalten. Und wenn Christus den Menschen empfiehlt, Schätze für sich im Himmel zu sammeln, versteht er darunter das Gute. Die Schätze – das ist das Gute, das der Mensch auf der Erde getan hat.

Gutes zu tun bedeutet, Gott in dir aufzufordern, durch dich zu wirken. Und wenn Gott wirkt, tut er das nicht nur um eines einzigen, sondern um aller willen. Aus diesem Grund nehmen alle vollkommenen Wesen daran teil, wenn eine gute Tat verrichtet wird.

Also, jede Tat, an der sich der Himmel nicht beteiligt, ist menschlich, und jede Tat, an der sich der Himmel beteiligt, ist göttlich.

Das Gute muss rechtzeitig getan werden. Es nimmt nicht viel Zeit in Anspruch, aber wenn du es tust, verlangt es, dass dein Herz, dein Wille, deine Seele und dein Geist während dieser Minuten, in denen du das Gute tust, vollkommen konzentriert sind.

Beim Guten darf es keinen Aufschub geben. Wenn du etwas Gutes vorhast, musst du es augenblicklich, ohne Aufschub tun. Wenn du es aufschiebst, ist der Augenblick verpasst.

Denke dabei nicht, dass du nur dann Gutes tun sollst, wenn du gut gelaunt bist. Das Gute kann man auch bei der schlechtesten Laune tun. Die Missstimmung ist etwas, das das Fleisch betrifft.

Sie betrifft nicht den Geist des Menschen.

Die Menschen denken, dass das Gute etwas Totes ist. Das stimmt nicht. In jener heiligen Idee, die dir den Anstoß gegeben hat, etwas Gutes zu tun, wirkt ein erhabener und heiliger Geist, der diese Tat erleuchtet und zeigt, dass das Leben dessen, der Gott dient, immer wirklich wird.

Das Gute ist das erste Band im Leben. Das Gute ist das erste Band zwischen den Menschen. Es ist das einzige materielle Band, das die Menschen richtig verbindet. Noch mehr: Das Gute ist das erste wahre Band zwischen den Seelen aller Menschen, egal ob sie auf der Erde oder im Himmel sind.

Ohne das Gute würdet ihr kein Wissen erwerben können. Mit der Erkenntnis des Guten beginnt das Wissen.

Eine gute Tat vergisst man nie. Sie ist in das göttliche Buch geschrieben, weil sie ein Akt der Liebe ist und als solche auf immer und ewig in der göttlichen Welt bewahrt wird.

Jeder, der Gutes tut, wird für die anderen zum Vorbild. Denkt nicht, dass wenn ihr etwas Gutes tut, euch gleichzeitig Gutes genommen wird. Im Gegenteil: Das Gute erhebt euch in den Augen der anderen. Aus diesem Grund weicht vor keinen Schwierigkeiten zurück, wenn ihr etwas Gutes tun müsst. Seid mutig, entschlossen, tut das Gute und möge dieses Gute euren Nächsten Leben, Licht und Freiheit bringen!

Ihr alle könnt Gutes tun, weil im Herzen aller das Gute wohnt.

Jedes Gute, das ihr getan habt, ist eine Beziehung, die nach und nach stärker wird.

Ihr müsst in solcherlei Beziehungen ständig, also nicht nur einmal treten. Vergesst dabei nicht, dass der Mensch unbekannt im Guten bleiben soll, wie er auch im Bösen unerkannt bleiben will.

Beeilt euch nicht, gut zu werden. Das Gute ist eine notwendige Bedingung für die Vollkommenheit des Menschen, aber der Mensch wird nicht von einem Tag auf den anderen gut. Wenn aber der Mensch nach der Vollkommenheit strebt, hilft ihm das Gute.

Um vollkommen zu werden, muss man stark im Guten sein.

Das Einzige, was den Menschen zum Menschen macht, ist das Gute, das ihm innewohnt.

Das Gute ist ein Weg zur Entdeckung der göttlichen Liebe.

 

Aus dem Buch Der Meister spricht