Entstehung der Lehre der Weißen Bruderschaft in Bulgarien

1904 lässt sich Petar Danov in Sofia in der Opaltschenskastraße 66 nieder. Diese Veränderung ist sowohl für ihn als auch für die von ihm gegründete Bewegung von großer Bedeutung. In der Mietswohnung in der Opaltschenskastraße beginnt er die sogenannten Vorträge zu halten. Er kündigt sie nicht offiziell an, sondern die Nachricht wird mündlich weitergegeben. Der Mechanismus für die Veranstaltung der Vorträge ist mit dem der Zusammenkünfte identisch. Peter Danov lud alle, die anwesend waren, zum Treffen oder zum Gespräch persönlich ein. Hinsichtlich der Zahl der unterschiedlichen Bekanntschaften stieg jedoch die Zahl der Anwesenden ständig.
Bis Ende des Ersten Weltkrieges hält Petar Danov Vorträge nur am Sonntagvormittag um 10 Uhr. Während der drei Kriege – der Balkankrieg, der Alliiertenkrieg und der Erste Weltkrieg – liegt die Zahl seiner Anhänger in der Hauptstadt zwischen 250 und 300 Personen. Seine Ansichten darüber, dass sich Bulgarien am Ersten Weltkrieg nicht beteiligen darf, und seine Aussagen gegen den Nationalismus und Chauvinismus lassen ihn bei der staatlichen Macht verdächtig erscheinen. 1917 verbietet ihm der Bürgermeister von Sofia öffentliche Vorträge zu halten. Bald danach wird er in Varna interniert, bleibt dort bis Ende 1918 und wohnt dort im Hotel „London“. Zwischenzeitlich entarten die Versammlungen der Bruderschaft in Sofia zu spiritistischen Séancen. In diese Zeit reicht aber auch der Anfang der organisierten Kreise in der Provinz zurück: in Varna, Rousse, Jambol, Gabrovo, V. Tarnovo und anderen Städten.
Der Einfluss von P. Danov und seiner Ideen nach dem Ende des Krieges nimmt deutlich zu und seine Lehre wird zu einem Ereignis von nationalem Ausmaß. Die Grundursachen dafür, die von seinen Gegnern hervorgehoben wurden, sind mit der These verbunden, dass die verhängnisvollen Folgen der kriegerischen Konflikte zwangsläufig zu Aberglaube und Mystizismus führen. Diesen rein äußeren Voraussetzungen, die die allgemeinen Umstände der Nachkriegszeit beinhalten, können aber Gründe entgegengestellt werden, die ebenso die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der Weißen Bruderschaft bedingt haben, und einen konkreten Bezug zu ihr haben, weil sie im Wesen der Lehre gründen. Der bekannte kirchliche Funktionär und orthodoxe Theologe Prof. Evtimii betont zwei Umstände: 1. Die Bewegung legt den menschlichen Schwächen und Sünden nicht jene Verbote und Fesseln auf, die die orthodoxe Kirche auferlegt; 2. Petar Danov verspricht eine religiöse Wissenschaft und einen vernünftigen Glauben, indem er auf das Verlangen unserer Gesellschaft, die Widersprüche zwischen Wissenschaft und Glauben aufzuheben, antwortet. I. G. Hol richtet sein Augenmerk auf die Eigenschaft Petar Danovs, den Charakter des Menschen in seinem Innersten zu kennen und ihn zu bewerten. Darüber hinaus schätzt er den Umstand, dass in dessen Lehre die Probleme aus dem realen Leben nicht unmittelbar behandelt werden. Für N. Pravoslavov besteht die Hauptanziehungskraft der Ideen Peter Danov´s im Folgenden: Er legt seiner Lehre die absolute Freiheit der Sittlichkeit zugrunde.
In den wissenschaftlichen Abhandlungen, die P. Danovs Anschauungen teilen, sind die Versuche, seinen Einfluss zu erklären, darauf gerichtet, die Gründe innerhalb dieses Phänomens selbst zu untersuchen. A. Tomov beschäftigt sich in seiner umfangreichen Analyse mit einer Reihe von sozial-politischen Gründen und den von ihnen bedingten globalen Problemen, auf die P. Danov eine Antwort gibt: Der Krieg und die nachfolgende Krisis führen zur Stärkung der gesellschaftlichen Gegensätze, zu Elend und Epidemien, infolgedessen zwei Tendenzen festzustellen sind:
a. Die menschliche Seele wird sensibler und empfänglicher. In ihr erwacht das Streben nach Gerechtigkeit und Harmonie.
b. Die ganze Menschheit wird dadurch, dass sie das Elend der heutigen Zivilisation begreift, für den Gedanken empfänglich, der sie dazu bringt, das Böse zu überwinden und eine neue Kultur zu errichten. Die Tatsache, dass P. Danov gewisse parapsychologische Fähigkeiten besaß, die von vielen Anhängern der Lehre, aber auch von außerhalb stehenden Menschen bezeugt wurden, ist nicht zu unterschätzen. Das Wichtigste allerdings ist, dass seine Lehre sich von den anderen geistigen Richtungen seiner Zeit durch ihre praktische Ausrichtung unterscheidet.
Die Gelehrten, die seine Vorträge besuchen, fühlen sich von der besonderen Perspektive, die der Redner ihnen eröffnet, angezogen: Durch Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung der menschlichen Individualität soll eine neue Ordnung auf der Erde geschaffen werden. Dieses ambitionierte Ziel ist überzeugend und klar gefasst und gründet durchaus auf Sittlichkeit. Besonders anziehend ist ihr evolutionstheoretisches Element, das in seiner Tiefe mit dem Vermeiden von Blutvergießen und Brudermord, dem Grauen, das noch im Bewusstsein der Zeitgenossen lebendig ist, korrespondiert. Die Lehre von der Liebe als Grundprinzip des Seins und die Lehre von der Bruderschaft zwischen den Menschen (analog dem christlichen und theosophischen Konzept) – die Leitidee in der Ethik und der Metaphysik P. Danovs – entspricht dem sozialen und sittlichen Verlangen und Streben der Epoche. Sie ist in diesem Moment im Einklang mit den Ideen der fortschrittlichsten europäischen und außereuropäischen Denker.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt des untersuchten Phänomens – die eigenartige Institutionalisierung der Person P. Danovs im Rahmen des gesamten sozial-kulturellen Hintergrunds, die besonders deutlich und in ihrer reinsten Form in der Mitte der zwanziger Jahre zustande kommt. Ihr Prototyp ist der geistige Führer (oder „Guru“), für die östlichen Kulturen und religiös-philosophischen Systeme charakteristisch. Dort hat der Terminus „Meister“ eine alte Tradition und beinhaltet in sich einen bestimmten geistigen Inhalt, dem die Idee eines Wesens einer höheren Himmelshierarchie, eines göttlichen Boten auf der Erde zugrunde liegt, der den Auftrag hat, die Evolution zu beschleunigen und das Wohlergehen der jüngeren Brüder, der Menschen zu bewirken. In der westeuropäischen Zivilisation wurde dieser Begriff durch die moderne Theosophie eingeführt. Sein ursprünglicher indisch-mystischer Gehalt wurde in der Lehre der Weißen Bruderschaft in Bulgarien durch die Anhänger der Lehre konkret realisiert. Das Verhältnis innerhalb der Lehre zwischen Meister und Schülern beruht auf einer mit diesem Begriff korrespondierenden ethischen Begründung und ist seinem Ursprung nach das Wesenszeichen dieser inoffiziellen Gemeinde. Alle Betrachter stimmen in ihren Bewertungen darin überein, dass der Einfluss P. Danovs auf die Umgebung massiv, umfangreich und unerschütterlich ist.
Die eigentliche Gesellschaft „Universelle Weiße Bruderschaft“ bekommt verschiedene Namen in der Öffentlichkeit. Der am weitesten verbreitete unter ihnen, „Danovismus“, ist dem Namen seines Gründers, Führers und ideellen Inspirierers entlehnt. Dieser Terminus weitet sich auf natürliche Weise auch auf die Lehre von Peter Danov aus, sogar mit dem Anspruch, sie gänzlich erklären zu wollen. Hier soll aber unterstrichen werden, dass die Bezeichnung „Danovismus“ nur von Forschern oder Personen benutzt wird, die außerhalb der Bewegung stehen. Im Rahmen der Weißen Bruderschaft selbst existiert kein solcher Begriff. Die Mitglieder der Bruderschaft nennen sich „weiße Brüder“ oder einfach „Bruder und Schwester“. Damit drücken sie eines der grundlegendsten Ziele der Bewegung aus: das Erreichen einer Bruderschaft zwischen den Menschen auf der Erde. P. Danov selbst deklariert in keiner Weise das Monopol auf die von ihm dargelegten Erkenntnisse und schließt die mechanische Übertragung seines Namens auf sein gesamtes theoretisch-praktisches System aus. Er nennt seine Lehre „Die Lehre der Weißen Bruderschaft“. Unter Weiße Bruderschaft“ versteht er in diesem Fall eine unsichtbare Gemeinschaft von Wesen, die ihre geistige Evolution in der materiellen Welt vollendet und Vollkommenheit erlangt haben (vgl. Matthäus 5:48), und die sich tätig in allen Dimensionen des gesamten Lebens der Menschheit einbringen. In einem weiten Sinne übernehmen die Nachfolger P. Danovs den Terminus „Weiße Bruderschaft“ als Bezeichnung ihrer eigenen Bewegung. Das Symbol ihrer geistigen Gemeinschaft ist die weiße Farbe als Ausdruck der Reinheit und erhabenen Geistigkeit.
Die Lehre P. Danovs gewinnt in jener Epoche außerdem Anhänger durch ihre Synthese zwischen östlichem Mystizismus und westlichem wissenschaftlich- rationalistischem Denken, die begehrte Einheit zwischen Glaube und Vernunft. Laut dieser Lehre ist die christliche Dogmatik und kirchliche Praxis verknöchert und archaisch, der Charakter der Kirche zeichnet sich durch ihre unverbesserliche Formalität aus und erscheint hinsichtlich der Dynamik des modernen Lebens unzweckmäßig. Nach der Zeit der Internierung und seiner Rückkehr aus Varna lässt sich Danov in der Opultschenskastraße 66 nieder. Seine letzte Landesrundfahrt macht er Anfang der zwanziger Jahre. Währenddessen unterbricht er jedoch die Vortragstätigkeit in Sofia, die für eine gewisse Zeit in die Oboristestraße 14 (von 1922 bis 1926) verlegt wird. Der Saal in der Oboristestraße wird der Weißen Bruderschaft nach 1926 weggenommen und in ein Kino umgewandelt. Für die Sonntagsvorträge von P. Danov ist vor 1918 nach wie vor der Eintritt frei, diese Tradition wird bis zum Hinscheiden des Redners am 27.12.1944 beibehalten. Die Formulierung freier Eintritt bedeutet hier nicht, dass der Eintritt zu den Vorträgen jemandem verweigert wurde, sondern dass man vielmehr in den Neugekommenen künftige Mitglieder gesehen hat. Mit den Sonntagsvorträgen legt P. Danov seine Ideen der Gesellschaft dar und versucht, einen möglichst breiten Kreis von Menschen zu erreichen und sie dadurch überzeugen zu können, den Weg des wahren Christentums einzuschlagen, so wie er es versteht und interpretiert.
Von 1920 bis 1922 datieren die ersten Spaziergänge in der Natur. Zunächst sind die Wiesen unterhalb des Dragalevski Klosters Gegenstand der Besichtigungen, danach wird bis Chamkoria (heute Borovetz) und zum Mussala gewandert. Bei diesen Ausflügen spricht P. Danov zu seinen Anhängern über die Sprache der „lebendigen, vernünftigen Natur“ und über die Erhabenheit ihrer Vernünftigkeit.
Am 22.03.1922 wird die Jugendokkultschule eröffnet. P. Danov stellt persönlich eine Liste von 80 Menschen zusammen, deren Teilnahme er vorsieht. Zu den ersten Vorträgen kommt aber die doppelte Anzahl an Personen, da sich die Nachricht schnell in den Kreisen der Theosophen, Spiritisten, Tolstoisten und Anarchisten verbreitet. Manche von ihnen hoffen darauf, dass sie Sensationen, ja, sogar Wunder sehen oder hören werden. P. Danov definiert den Sinn der Schule folgendermaßen: „[…] die Okkultschule nicht eine Schule zur Beruhigung der Menschen ist. Sie ist vielmehr eine Schule zum Erforschen der großen unveränderlichen Gesetze des Seins, der Äußerung Gottes, worin sich unser Leben gesetzmäßig und harmonisch entwickelt.“ Mit diesen Worten bestimmt er das Credo seiner künftigen Arbeit – das Errichten einer mächtigen geistigen Umgebung, in der man die Neue Lehre anwenden kann, d. h. er fördert entscheidend die aktive und wirksame Entwicklung der Bewegung.
Die Hörer der Schule wurden in einer Jugend- oder Spezialklasse gesondert vom 22. September bis zum 22. März unterrichtet. Neben dem Hören der Vorträge stellt P. Danov seinen Schülern Nachdenkaufgaben, schriftliche Arbeiten oder ordnet konkrete Tätigkeiten an, die sich von Vortrag zu Vortrag verändern. Die Aufsätze über die gestellten Themen werden von ihm gelesen und in der nächsten Stunde gemeinsam besprochen. Es werden auch insgesamt acht „Jugendtreffen“ veranstaltet, die in ihrem Wesen Konferenzen der Okkultschulen darstellen und jedes Jahr vom 25. bis 28. August im Freien abgehalten werden, wobei die erste 1923 im Saal in der Oboristestrasse 14 veranstaltet wurde. Bei diesen Zusammenkünften werden außer den traditionellen Vorträgen von P. Danov noch Referate gehalten und Probleme besprochen, die die Organisation des gemeinschaftlichen Lebens betreffen. Besonders wichtig aber erscheinen in diesem Rahmen vor allem die Probleme, die die Verbreitung der Lehre betreffen.
Nach Eröffnung der Jugendokkultklasse gründet P. Danov auch eine gesonderte Klasse für die anderen Anhänger: Die Allgemeine Okkultklasse, an der sich die Verheirateten beteiligen. Wahrscheinlich wurden die zwei Formationen um 1930 vereinigt. In der so aufgebauten Schule lehrt P. Danov seine Anhänger die augenscheinlich allgemeinbekannten Wahrheiten, die aber bis zu diesem Moment im Leben des Menschen nicht angewendet wurden, wie Liebe, Brüderlichkeit, den Nächsten zu ehren; er weiht sie in die Geheimnisse der Natur und des menschlichen Wesens ein; er bietet ihnen Methoden zur richtigen und gesunden Lebensweise: Vegetarismus, Enthaltsamkeit, Fasten u. a. Weil P. Danov zum Leiter der Bildung innerhalb dieser Gemeinschaften wird, behauptet er sich als „Meister“. Dies bleibt unverändert bis zu seinem Tod und wird zur einzigen Form, in der sich alle seine Anhänger an ihn wenden. Seine Tätigkeit erlangt ihre notwendige Institutionalisierung nicht nur in den Augen der Gesellschaft, sondern wird von seinen Anhängern selbst anerkannt.